Missbrauchsskandal - Vorwürfe gegen Polizei im Missbrauchsskandal an Odenwaldschule - Opfer kritisiert Äußerungen der Schulleitung - Bisher keine Anzeigen
Im Missbrauchsskandal an der hessischen Odenwaldschule ist jetzt auch Kritik an der Polizei laut geworden. Die Beamten sollen vor Jahren eine Schülerin der Odenwaldschule abgewimmelt haben, die bei der Polizei in Heppenheim angerufen und von sexuellen Übergriffen berichtet habe, wie das «Darmstädter Echo» am Mittwoch berichtete. Demzufolge hätten die Beamten «handfeste Beweise» verlangt und das Mädchen darauf hingewiesen, dass es mit einer Gegenanzeige wegen falscher Anschuldigung zu rechnen habe. Derweil melden sich immer mehr ehemalige Schüler zu Wort.
Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Südhessen sagte, es sei völlig unklar, auf welchen Zeitpunkt sich die Vorwürfe gegen die Heppenheimer Polizei beziehen. Deshalb gebe es noch keinen Ansatz. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Klaus Tietze-Kattge, sagte, seiner Behörde lägen dazu noch keine Hinweise vor. «Der Vorwurf von Polizeiversäumnissen war uns auch neu.» Bislang sei bei der Staatsanwaltschaft noch keine Anzeige zu Missbrauchsvorwürfen an der Odenwaldschule eingegangen. Die Behörde habe «von Amtswegen» aufgrund der Aussagen der Schulleitung Ermittlungen eingeleitet.
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Eines der Opfer kritisierte die heutige Schulleitung. Die Äußerungen der Schulleitung, die Odenwaldschule «habe sich damals korrekt verhalten, sind absolut zynisch», zitiert die «Frankfurter Rundschau» einen ehemaligen Schüler anonym. Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Rektor Gerold B. habe die Schule das Thema damals eben nicht entsprechend aufgearbeitet. Der Nachfolger des beschuldigten Schulleiters habe gesagt, falls diese Vorwürfe öffentlich würden, werde die Schule geschlossen.
Der ehemalige Schüler und Fernsehjournalist Tilman Jens berichtet von sexuellen Ausschweifungen. «Schüler-Lehrer-Verhältnisse waren an der Tagesordnung», sagte er. Er wisse in seinen drei Jahren an der Schule von sechs, sieben Verhältnissen und es seien sicher weit mehr gewesen. «Da war eine große Phase des emotionalen Aufbruchs, und da haben wir alle die Grenzen nicht gekannt», sagte Jens. «Und die Lehrer, die sie hätten kennen müssen, haben sie - wie wir jetzt wissen und wie wir damals auch ein großes Stück wussten - nicht eingehalten.»
Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der früher selbst die Odenwaldschule besucht hatte, zeigte sich erschüttert darüber, dass an dem reformpädagogischen Internat «eine libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt ist, für sexuellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung benutzt wurde.»
Der Pädagoge und Autor Bernhard Bueb war zwei Jahre Lehrer an der Odenwaldschule. Dem Magazin «Stern» sagte er, er könne die Vorwürfe gegen Gerold B. «nicht in Einklang mit der Person bringen, die ich ausschließlich als Freund und fürsorglichen Pädagogen kenne.» Obwohl er Gerold B. nach den ersten Vorwürfen und Gerüchten über Missbrauch noch oft begegnet sei, habe er ihn nie auf das Thema angesprochen. Das sei eine Frage von Takt und Respekt gewesen.
Am Wochenende war bekanntgeworden, dass es an der Odenwaldschule in den 70er und 80er Jahren sexuelle Übergriffe auf Schüler gegeben hatte. Die Rede ist von mindestens 24 Opfern, wie die heutige Leiterin Margarita Kaufmann am Montag bekanntgab. Entsprechende Vorwürfe gegen den ehemaligen Rektor der Odenwaldschule waren schon Ende der 90er Jahre bekanntgeworden. Ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs gegen den früheren Schulleiter wurde im Dezember 1999 wegen Verjährung eingestellt.
Die Leitung der Schule will am Donnerstag (11. März) auf einer Pressekonferenz weitere Informationen zu den Vorwürfen bekanntgeben.
(Quellen: Polizei und Staatsanwaltschaft auf ddp-Anfrage; anonymes Opfer in der «Frankfurter Rundschau»; Cohn-Bendit in »Die Zeit«; Bueb laut «Stern»; Jens laut «HR»)
ddp/kah/kos
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